Vater sein mit Angst

Vater sein mit Angst - Vertrauen, Selbstbewusstsein, Resilienz

Über die Rolle von Vätern für die Entwicklung von Kindern wird viel geforscht und geschrieben. Ergebnisse einiger Studien deuten darauf hin, dass dem Vater mehr noch als der Mutter eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Selbstbewusstsein und psychischer Widerstandskraft, auch Resilienz genannt, zukommt.
Für mich als Vater zweier Kinder stellt sich daher die Frage, wie die Angst sich darauf auswirkt, ob ich meiner Rolle gerecht werden kann. Auch liegt umgekehrt die Frage nahe, welche Auswirkung die hohe Verantwortung der Vaterschaft auf die Angst hat.
Ganz konkret stellen sich diese Fragen im Alltag so dar:
Wie nimmt das Kind es wahr, wenn wir vor einer Seilbahn oder einem Karussell stehen und ich mich nicht hineintraue? Können sich so Ängste von mir auf das Kind übertragen? Welche Erfahrungen und Erlebnisse enthalte ich den Kindern vor? Wie gehe ich damit um, wenn der Anblick eines Flugzeugs in mir Reminiszenzen an panische Erlebnisse hervorruft, der Rest der Familie aber dem Spanienurlaub entgegenfiebert? Wie wirkt es auf die Kinder, wenn wir ein Volksfest abrupt verlassen müssen?
Eine Frage stellt sich häufig: Wie gehe ich mit Situationen um, in denen mich die Angst befällt, während ich alleine mit dem Kind, dem Baby oder mit beiden unterwegs bin? Die hohe Verantwortung kann die Angst schüren, weil sie eben diese Frage aufwirft, die das Gepräge einer sich selbst erfüllenden Prophezeiungen hat. Diese Frage trägt den Keim der Angst schon in sich und beschwört die Angst vor der Angst geradezu herauf.
Meine Erfahrung im Umgang mit all diesen Fragen war bisher die, dass alles weniger dramatisch ist, als es scheinen mag. Ich versuche, einen offenen Umgang mit meinen Ängsten zu hegen und sie nicht zu verstecken. Bislang hat sich dabei noch keine konkrete Angst auf meine Tochter übertragen. Sie hat kein Problem damit, mit ihrer Mutter zusammen Seilbahn zu fahren und im Flugzeug ist sie völlig arglos und glücklich, die Welt von oben sehen zu können. Manchmal gelingt es mir sogar, ihr eine Lektion über Mut zu geben, indem ich ihr zeige, dass ich zwar Angst habe, mich aber trotzdem nicht davon abhalten lasse, etwas zu tun. So wie jedes Kind und jeder Erwachsene hat auch sie Ängste und scheint bereits verstanden zu haben, dass Mut bedeutet, einen Schritt zu gehen, obwohl man Angst davor hat.
Was die Frage nach der hohen Verantwortung und ihrer Implikation für die Angst angeht, habe ich bislang gute Erfahrungen mit einem konfrontativen Kurs gemacht. Ich halte nichts von Konfrontation um jeden Preis, da Ängste dem gesunden Menschen vor Schaden bewahren können. Ich war aber in der Vergangenheit in einen solchen Teufelskreis aus Angst und Vermeidung geraten, dass mein Aktionsradius in der Welt immer kleiner wurde. Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist es zwar nach meiner Erfahrung wichtig, die (teils tiefenpsychologischen) Ursachen der Angst zu identifizieren, aber auch eine Konfrontation mit der Angst scheint mir ab einem bestimmten Punkt unabdingbar zu sein. Ich bin heute stets darauf bedacht, solche Teufelskreise früh zu erkennen und zu verhindern, dass die Angst Boden gutmachen kann.
Letztens habe ich z.B. bemerkt, dass ich schon lange nicht mehr Straßenbahn gefahren bin und immer, wenn sich dies angeboten hätte, lieber auf Auto oder Fahrrad ausgewichen bin. Ich habe erkannt, dass sich darin bereits der Anfang einer Vermeidungsspirale zeigt, mit der ich mich vor der Angst vor Kontrollverlust behüten möchte. Mich vor dieser Angst zu behüten, lässt aber gerade diese Angst immer weiter erstarken. Also bin ich kurzentschlossen alleine mit dem Baby losgegangen und mit der Straßenbahn in die Stadt gefahren. Erwartungsgemäß (und gerade deshalb) zeigte sich die Angst in Form von Symptomen wie innerer Unruhe, leichtem Zittern und einem leicht wankenden Gang. Den Gedanken, was ich tun soll, wenn ich die Kontrolle verliere, konnte ich aber schnell zerstreuen und loslassen. Dabei half mein Wissen über die Herkunft von Angstsymptomen, die Gewissheit, dass sie keinesfalls lebensbedrohlich sind und die bereits in ähnlichen Situationen gewonnene Kraft. Ich habe schon oft genug erlebt, dass ich negative Denkspiralen umkehren kann und Sicherheit wiedererlangen kann. Nachdem ich eine längere Shopingtour hinter mir und die Angst mal wieder ganz überwunden hatte, war ich dann selbst erstaunt, welchen Schwung und welche Kraft es mir verlieh. Jede Konfrontation, die in der erfolgreichen Überwindung der Angst endet, scheint mir eine wichtige Sprosse meiner Leiter hinaus aus der Angst zu sein.
Die Tour hätte aber natürlich auch anders verlaufen können. Wichtig erscheint mir in Fällen, in denen ich vermeintliche Rückschläge erleide, diese nicht allzu hoch zu bewerten. Ein kurzer Blick auf die Ursache und dann wieder nach vorne schauen – das ist dann meine Devise. Der Weg aus der Angst verläuft eben nicht immer nur in eine Richtung.
Über das Thema Vaterschaft mit Angst lässt sich noch so viel mehr schreiben und das werde ich auch noch tun. Für heute soll es aber erstmal reichen.

Das Wochenende: Bloß ein Überlebenskampf?

Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, in denen ich mit Freuden daran gedacht habe, dass bald Wochenende ist. Während des Studiums habe ich diese Zeiten gerne genutzt, um z.B. Ausflüge in Nachbarstädte oder in die Natur zu unternehmen, mir Ausstellungen anzusehen, mich mit Leuten zu treffen oder einfach mal nichts zu tun. Wochenenden waren die „Für-Mich-Zeit“, die ich frei nach meinen inneren Bedürfnissen und Interessen gestalten konnte.

Ganz anders stellt sich das heute dar. Verheiratet und mit zwei kleinen Kindern wird aus „Für-Mich-Zeit“ meistens Familienzeit. Bei der Abwägung von Bedürfnissen der Kinder und Ehefrau mit den eigenen Interessen haben die Bedürfnisse der Kinder oft das höchste Gewicht. Es stehen feste Termine an, wie z.B. ein allsamstäglicher Schwimmkurs für die Tochter oder der Bastelclub im Baumarkt, der einmal im Monat stattfindet. Da mangels Großeltern oder kinderfreundlicher Sozialkontakte in der Nähe der Gedanke an Zweisamkeit mit dem Ehepartner oder gar Zeit für Ruhe und Entspannung beinahe absurd geworden ist, gerät man in die Pläneschmiede. Dort werden dann Pläne geschmiedet wie: „Nach dem Schwimmkurs und dem Bastelclub könnten wir doch noch in den Park fahren und mit den Kindern ans Planschbecken gehen“ oder „lass uns doch am Sonntag auf das große Volksfest im Park gehen.“ All das mag sich gut anhören für Menschen, die nicht an einer Angststörung leiden, die durch Faktoren wie Stress und Schlafmangel noch befeuert wird. Meine Erfahrung deckt sich dabei mit dem in Ratgeberliteratur oft verbreiteten Bild vom Fass, dass kurz vorm Überlaufen ist oder der Anspannungskurve, bei der ab einem bestimmten Level die Neigung zur Panikattacke stark ansteigt.

So war es auch am letzten Wochenende erneut der Fall, dass es am Sonntag Nachmittag, nach diversen energiezehrenden und anspannungserhöhenden Unternehmungen soweit war, dass ich zum Spielverderber für die Familie wurde. Auf dem Volksfest begannen die Beine zu zittern, die Sicht wurde unscharf und der Gang schwankend. Die Angstspirale kreiste schnell und ich versuchte wider besseren Wissens dagegen anzukämpfen. Mantras und dann der Versuch, alle Gedanken augenblicklich fallen zu lassen, scheiterten kläglich. Ich schwenkte innerlich die weiße Fahne, war bereit zu kapitulieren, aber auf diese Finte, diesen Winkelzug ließ die Angst sich diesmal nicht ein. Nur wer kämpft, kann auch verlieren und der Kampf gegen die Angst ist von vornherein ein verlorener Kampf. Aus dem Ring zu steigen, die Angst ganz zu ignorieren (viel leichter gesagt als getan) war bislang daher oft eine wirksame Taktik, der Angst die Freude daran zu nehmen, sich gegen mich auszutoben. Wenn aber die Absicht zu offensichtlich ist, dann fällt sie nicht darauf rein. Immerhin gelang es mir, die Gewissheit vor Augen, dass die Angst mich nicht K.O. schlagen wird, einen völligen Kontrollverlust zu verhindern und mich mit der Familie zum Bus und dann nachhause zu schleppen, wo es mir fast schlagartig wieder einigermaßen gut ging.

Dazu ein Aphorismus aus dem Zen-Buddhismus:
Wenn ich denke, dass ich nicht mehr an dich denke, denke ich immer noch an dich. So will ich versuchen, nicht zu denken, dass ich nicht mehr an dich denke.

Ursachen der Angst I

Vielleicht ist es müßig, nach einen Grund zu fragen, weshalb die Angst ins Leben getreten ist. Ich glaube aber, dass es in jedem Leben, das die Angst unter ihre Kontrolle gebracht hat, einen oder oft auch viele Gründe gibt, weshalb sie das überhaupt konnte. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, diese Gründe zu identifizieren, da in ihnen womöglich der Schlüssel liegt, der die Tür öffnet, aus der die Angst dann auch wieder aus unserem Leben austreten kann. Dabei halte ich die Vorstellung von einem völlig angstfreien Leben für illusorisch. Ängste haben ihre Funktion und auch gesunde Menschen haben Ängste. Die Ängste, die scheinbar plötzlich und grundlos auftreten, haben ihren Ursprung aber nicht in einer realen Gefahr, sondern in uns selbst. Sie verselbstständigen sich, werden zu verschachtelten gedanklichen Konstrukten, die sich viral ausbreiten und all unser Denken befallen. Losgelöst von der Welt da draußen, die gar nicht so bedrohlich ist, treibt die Angst eine weitere Angst vor sich her: Die Angst vor der Angst. Diese Angst vor der Angst, so scheint mir, ist das, was der Angst immer wieder aufhilft, wenn wir sie mal niedergerungen haben oder sie sich so sehr in uns ausgetobt hat, dass sie vor Erschöpfung kurz mal Pause macht.

Meine Geschichte als Angstkranker begann damit, dass ich mich selbst über Jahre verleugnet habe. Ich habe Erwartungen anderer über meine Bedürfnisse gestellt, habe den Schrei meines Körpers und meiner Seele nach mehr Beachtung ignoriert und in falschem Ehrgeiz Ziele verfolgt, die nicht meine eigenen waren. Mir hat das Wissen gefehlt, was gut für mich ist, weil ich nie gelernt habe, auf das zu hören, was mein Körper mir sagen will. Mir fehlte eine positive Selbstwahrnehmung, ein Bewusstsein meiner innersten Bedürfnisse oder kurz: Mir fehlte es ganz und gar an Achtsamkeit gegenüber mir selbst.

Dann kamen die nächtlichen Panikattacken und bald auch Panikattacken tagsüber in alltäglichen Situationen.

Nach all der Selbstverleugnung und Ignoranz kann ich also nicht behaupten, dass mein Körper keine guten Gründe hatte, mich mit drastischen Maßnahmen wachzurütteln und mir zu zeigen, dass ich lange mit hohem Tempo in die falsche Richtung gerannt war.

Ich glaube, dass die Ursachen für Angststörungen sehr mannigfaltig sind, aber dass sie auch Gemeinsamkeiten haben. Oft ist es irgendeine Form von Selbstverleugnung, nicht ausgelebte Bedürfnisse, nicht verarbeitete Trauer oder Traumata, die lange geschwelt haben. Die Angst kommt nicht aus dem Nichts ins Leben und sie kommt meistens auch nicht plötzlich, sondern hätte aufgehalten werden können, wenn ihr Herannahen früher erkannt worden wäre. Der Weg, dies zu erkennen, ist so steinig, weil er es nötig macht, das eigene Leben in Frage zu stellen.