Entängstigung

Klettern, Schritt für Schritt gegen die Angst

„Entängstigt Euch!“ ist der Titel eines Buches, das ein katholischer Theologe geschrieben hat. Es geht darin nicht um die Angst, unter der ein Angstkranker leidet, aber der Apell hat mich angesprochen. Mein Vorsatz für dieses Jahr lautete dann auch, mich zu entängstigen, auch wenn es wehtun würde. Damit es nicht bei leeren Worten bleibt, habe ich einen Katalog an Maßnahmen angelegt und auch bereits mit deren Umsetzung begonnen. Die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass eine Schonhaltung nur dazu führt, dass Ängste sich ausweiten. Erhellend ist dazu auch, was Stefanie Stahl in ihrem großartigen Buch über das Schattenkind schreibt, das in jedem Menschen eine mehr oder weniger starke Präsenz hat. Mit seinen Schutzstrategien zementiert das Schattenkind seine inneren Glaubenssätze, auf denen auch viele der Ängste fußen, die den Angstkranken davon abhalten, sein Leben aktiv zu leben und zu gestalten. Die Konfrontation mit der Angst ist vor diesem Hintergrund nicht nur deshalb so wichtig, weil man sich immer wieder beweisen muss, wie unbegründet die meisten Ängste doch sind. Sie ist auch wichtig, um wieder das Gefühl zu erlangen, das Zepter in die Hand zu nehmen und selbstwirksam zu handeln. Konfrontation bedeutet aber ein sehr hohes Ausmaß an Stress, der wiederum die Angstschwelle senkt. Es erscheint mir daher wichtig, den Parasympathikus bei seiner Arbeit zu unterstützen. Das gelingt am besten, indem durch Entspannungstechniken und z.B. Meditation oder auch Sport innere Anspannung abgebaut wird.

Beispiele aus meinem Maßnahmenkatalog sind:

  • Klettern gehen: Entweder in Begleitung oder alleine in einer Kletterhalle mit technischen Vorrichtungen für das Alleine-Klettern. Klettern scheint mir sehr gut geeignet, da sich die Intensität des Angstempfindens sehr gut steuern lässt. Es ist außerdem eine Übung darin, Vertrauen in einen anderen Menschen oder in die Technik zu haben.
  • Auto stehen lassen und mit der Bahn fahren: Mir ist aufgefallen, dass ich schon sehr lange nicht mehr Bahn gefahren bin. Ich habe im Laufe der Zeit eine eher latente Angst davor entwickelt und mein Schattenkind hat es gut mit mir gemeint, indem es mich mit seinen Schutzstrategien vor dem Unbehagen bewahren wollte. Immer den bequemeren Weg zu gehen und Situationen zu meiden, in denen ich Kontrolle abgeben müsste, hat aber zu einer Ausweitung meiner Angst vor Kontrollverlust geführt.
  • Stunde im Flugsimulator buchen: Meine Flugangst hat ihre Ursachen vor allem in meiner Klaustrophobie und in der Angst davor, Kontrolle abzugeben. Diese Ängste werden bei der Stunde im Flugsimulator wahrscheinlich nur leicht getriggert. Trotzdem kann es hilfreich sein, mehr Verständnis vom Fliegen zu entwickeln und sich gedanklich sowie mit der eigenen Vorstellungskraft damit auseinanderzusetzen.
  •  Mehr Bewegung: Das dient bei mir dem Adrenalinabbau und der Kräftigung. Auch kann sich Bewegung positiv auf das Selbst- und Körperempfinden auswirken. Rauszugehen, um sich mehr zu bewegen, stellt zudem immer eine Konfrontation mit der Außenwelt dar. Bei Angsterkrankung ist es ja oft der Fall, dass die Wahrnehmung der dinglichen Welt eingeschränkt ist, da Gedankenkarussells so schnell kreisen, dass alles da draußen nur noch verschwommen erscheint.
  • Fokus wieder mehr auf Genuss richten: Wenn ich mich immer nur frage, ob und wie ich etwas Bevorstehendes aushalten und überstehen kann, dann gibt es nur noch kräftezehrende Aufgaben und Leben bedeutet bloß noch funktionieren – oder eben nicht mehr funktionieren. Ich versuche, mich jetzt bei vielem, was ich tue, zu fragen, welche Freude es in mir entfachen kann. Es gelingt noch nicht immer, aber wenn es gelingt, lenkt diese Frage den Fokus ein wenig weg vom Denken in gut eingeschliffenen Angstbahnen.
  • Liebe, auch die Selbstliebe, wieder mehr zulassen: Angst ist oft ein Signal dafür, dass man sich selbst und die Situation, in der man sich befindet, nicht akzeptieren kann. Man hat kein Vertrauen zu seinen Mitmenschen, kein Vertrauen zu sich selbst und auf diesem Boden entsteht keine Zuversicht, die so wichtig ist, um Ängste zu überwinden.