Ursachen der Angst I

Vielleicht ist es müßig, nach einen Grund zu fragen, weshalb die Angst ins Leben getreten ist. Ich glaube aber, dass es in jedem Leben, das die Angst unter ihre Kontrolle gebracht hat, einen oder oft auch viele Gründe gibt, weshalb sie das überhaupt konnte. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, diese Gründe zu identifizieren, da in ihnen womöglich der Schlüssel liegt, der die Tür öffnet, aus der die Angst dann auch wieder aus unserem Leben austreten kann. Dabei halte ich die Vorstellung von einem völlig angstfreien Leben für illusorisch. Ängste haben ihre Funktion und auch gesunde Menschen haben Ängste. Die Ängste, die scheinbar plötzlich und grundlos auftreten, haben ihren Ursprung aber nicht in einer realen Gefahr, sondern in uns selbst. Sie verselbstständigen sich, werden zu verschachtelten gedanklichen Konstrukten, die sich viral ausbreiten und all unser Denken befallen. Losgelöst von der Welt da draußen, die gar nicht so bedrohlich ist, treibt die Angst eine weitere Angst vor sich her: Die Angst vor der Angst. Diese Angst vor der Angst, so scheint mir, ist das, was der Angst immer wieder aufhilft, wenn wir sie mal niedergerungen haben oder sie sich so sehr in uns ausgetobt hat, dass sie vor Erschöpfung kurz mal Pause macht.

Meine Geschichte als Angstkranker begann damit, dass ich mich selbst über Jahre verleugnet habe. Ich habe Erwartungen anderer über meine Bedürfnisse gestellt, habe den Schrei meines Körpers und meiner Seele nach mehr Beachtung ignoriert und in falschem Ehrgeiz Ziele verfolgt, die nicht meine eigenen waren. Mir hat das Wissen gefehlt, was gut für mich ist, weil ich nie gelernt habe, auf das zu hören, was mein Körper mir sagen will. Mir fehlte eine positive Selbstwahrnehmung, ein Bewusstsein meiner innersten Bedürfnisse oder kurz: Mir fehlte es ganz und gar an Achtsamkeit gegenüber mir selbst.

Dann kamen die nächtlichen Panikattacken und bald auch Panikattacken tagsüber in alltäglichen Situationen.

Nach all der Selbstverleugnung und Ignoranz kann ich also nicht behaupten, dass mein Körper keine guten Gründe hatte, mich mit drastischen Maßnahmen wachzurütteln und mir zu zeigen, dass ich lange mit hohem Tempo in die falsche Richtung gerannt war.

Ich glaube, dass die Ursachen für Angststörungen sehr mannigfaltig sind, aber dass sie auch Gemeinsamkeiten haben. Oft ist es irgendeine Form von Selbstverleugnung, nicht ausgelebte Bedürfnisse, nicht verarbeitete Trauer oder Traumata, die lange geschwelt haben. Die Angst kommt nicht aus dem Nichts ins Leben und sie kommt meistens auch nicht plötzlich, sondern hätte aufgehalten werden können, wenn ihr Herannahen früher erkannt worden wäre. Der Weg, dies zu erkennen, ist so steinig, weil er es nötig macht, das eigene Leben in Frage zu stellen.