Das Wochenende: Bloß ein Überlebenskampf?

Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, in denen ich mit Freuden daran gedacht habe, dass bald Wochenende ist. Während des Studiums habe ich diese Zeiten gerne genutzt, um z.B. Ausflüge in Nachbarstädte oder in die Natur zu unternehmen, mir Ausstellungen anzusehen, mich mit Leuten zu treffen oder einfach mal nichts zu tun. Wochenenden waren die „Für-Mich-Zeit“, die ich frei nach meinen inneren Bedürfnissen und Interessen gestalten konnte.

Ganz anders stellt sich das heute dar. Verheiratet und mit zwei kleinen Kindern wird aus „Für-Mich-Zeit“ meistens Familienzeit. Bei der Abwägung von Bedürfnissen der Kinder und Ehefrau mit den eigenen Interessen haben die Bedürfnisse der Kinder oft das höchste Gewicht. Es stehen feste Termine an, wie z.B. ein allsamstäglicher Schwimmkurs für die Tochter oder der Bastelclub im Baumarkt, der einmal im Monat stattfindet. Da mangels Großeltern oder kinderfreundlicher Sozialkontakte in der Nähe der Gedanke an Zweisamkeit mit dem Ehepartner oder gar Zeit für Ruhe und Entspannung beinahe absurd geworden ist, gerät man in die Pläneschmiede. Dort werden dann Pläne geschmiedet wie: „Nach dem Schwimmkurs und dem Bastelclub könnten wir doch noch in den Park fahren und mit den Kindern ans Planschbecken gehen“ oder „lass uns doch am Sonntag auf das große Volksfest im Park gehen.“ All das mag sich gut anhören für Menschen, die nicht an einer Angststörung leiden, die durch Faktoren wie Stress und Schlafmangel noch befeuert wird. Meine Erfahrung deckt sich dabei mit dem in Ratgeberliteratur oft verbreiteten Bild vom Fass, dass kurz vorm Überlaufen ist oder der Anspannungskurve, bei der ab einem bestimmten Level die Neigung zur Panikattacke stark ansteigt.

So war es auch am letzten Wochenende erneut der Fall, dass es am Sonntag Nachmittag, nach diversen energiezehrenden und anspannungserhöhenden Unternehmungen soweit war, dass ich zum Spielverderber für die Familie wurde. Auf dem Volksfest begannen die Beine zu zittern, die Sicht wurde unscharf und der Gang schwankend. Die Angstspirale kreiste schnell und ich versuchte wider besseren Wissens dagegen anzukämpfen. Mantras und dann der Versuch, alle Gedanken augenblicklich fallen zu lassen, scheiterten kläglich. Ich schwenkte innerlich die weiße Fahne, war bereit zu kapitulieren, aber auf diese Finte, diesen Winkelzug ließ die Angst sich diesmal nicht ein. Nur wer kämpft, kann auch verlieren und der Kampf gegen die Angst ist von vornherein ein verlorener Kampf. Aus dem Ring zu steigen, die Angst ganz zu ignorieren (viel leichter gesagt als getan) war bislang daher oft eine wirksame Taktik, der Angst die Freude daran zu nehmen, sich gegen mich auszutoben. Wenn aber die Absicht zu offensichtlich ist, dann fällt sie nicht darauf rein. Immerhin gelang es mir, die Gewissheit vor Augen, dass die Angst mich nicht K.O. schlagen wird, einen völligen Kontrollverlust zu verhindern und mich mit der Familie zum Bus und dann nachhause zu schleppen, wo es mir fast schlagartig wieder einigermaßen gut ging.

Dazu ein Aphorismus aus dem Zen-Buddhismus:
Wenn ich denke, dass ich nicht mehr an dich denke, denke ich immer noch an dich. So will ich versuchen, nicht zu denken, dass ich nicht mehr an dich denke.

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